Wandern in Schweden: 140 Kilometer allein als Frau auf dem Pilgerweg St. Olavsleden

Im Sommer 2021 suchte ich nach einem Abenteuer, das man nicht vergisst. Und ich fand es: Ich reiste nach Schweden, um auf dem nördlichsten Pilgerweg der Welt zu wandern. Allein. Der St. Olavsleden ist insgesamt etwa 580 Kilometer lang und führt von Selånger in Schweden nach Trondheim in Norwegen. Da ich noch nie zuvor gepilgert war und nicht wusste, wie es mir gefallen würde, entschied ich mich, nur eine Teilstrecke zu gehen. 140 Kilometer von Östersund nach Åre. Was ich auf meiner Wanderung allein so erlebt habe und warum die Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde, erfahrt ihr hier.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr am liebsten einfach losgehen würdet, immer weiter und weiter, bis ihr alles hinter euch gelassen habt? Den Lärm der Stadt, das hektische Gewusel auf den Straßen, all die negativen Nachrichten, die einen über Radio, TV und Social-Media erreichen … So ging es mir im Sommer 2021 nach dem Lockdown. Ich wollte endlich mal wieder etwas Neues sehen, weit weg vom Corona-Alltag. Und ich spürte den Wunsch etwas zu tun, das ich noch nie zuvor getan hatte. Daher entschloss ich mich, eine Pilgerreise zu machen, und zwar allein. In meinem Tempo und so, wie es für mich passt. Ich wollte all meine Sinne ganz mir und der Natur widmen, ohne mich von Gesprächen oder einer anderen Person, ablenken zu lassen.

Aber warum ausgerechnet ein Pilgerweg? Wie ich bereits in meinem Buch 52 kleine & große Eskapaden in Ostwestfalen-Lippe: Ab nach draußen!* geschrieben habe, sind es nicht unbedingt religiöse Motive, die die Menschen heute zum Pilgern bewegen. Man kann es auch einfach als eine Reise zu sich selbst sehen. Eine Reise, die einem mehr Selbstvertrauen schenkt.

Die schwedische Provinz Jämtland schien mir dafür perfekt, denn sie ist dünn besiedelt und zeichnet sich durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit Wäldern, Seen und nordischer Tundra aus. Aber auch steil aufragenden Gebirgsmassive findet man hier und gigantische Wasserfälle wie den Ristafallet und den Tännforsen.

Tag 1: Ankunft in Östersund

Nach meiner etwas schaukeligen, mehr als achtstündigen Anreise aus Stockholm mit dem Nachtzug war ich froh, morgens endlich anzukommen. Östersund begrüßte mich mit bunten Segeltüchern, die im Sonnenlicht leuchteten. Da ich mir die erste Klasse im SJ-Highspeed-Zug gegönnt hatte, durfte ich mit dem Ticket kostenlos im Best Western Hotel Gamla Teatern  frühstücken gehen. Das habe ich natürlich direkt genutzt. Im Anschluss war es an der Zeit, Östersund zu entdecken, die mit ihren etwa 53.000 Einwohnern die größte Stadt Nordschwedens ist. Östersund liegt am See Storsjön und hat einen hübschen kleinen Yachthafen. Einen Badestrand gibt es auch und so gönnte ich mir bei neun Grad Außentemperatur erstmal ein kleines “Eisbad”, um wach zu werden.

Später bummelte ich noch ein wenig durch die Altstadt und war von den vielen schönen Holzhäusern, den stylischen Cafés und Läden beeindruckt. Besonders gut haben mir das Hamngatan 12 und Ecocafeet gefallen. Es gab Omelette mit frischen Pfifferlingen und natürlich Kanelbulle – die typisch schwedische Zimtschnecke, die ich so gerne mag. Den restlichen Tag ließ ich  lesend auf dem Steg am See ausklingen. Dann machte ich es mir in meinem wunderschönen Zimmer im Hotel Emma gemütlich, das sich ebenfalls in der Altstadt von Östersund befindet. Dort wartete auch schon der Pilgerpass auf mich, bereit für seinen ersten Stempel.

Tag 2: Von Östersund über die Insel Frösön zur Insel Rdön

Nach einem köstlichen Frühstück im Hotel brach ich auf. Endlich war es soweit, meine erste Wanderung konnte beginnen. Die Strecke nach Rödön beträgt etwa 20 Kilometer, was für mich als gerne-, aber nicht viel Wandernde eine gute Einstiegsstrecke war. Über eine Fußgängerbrücke gelangte ich zur Insel Frösön, auf der auch das Naturschutzgebiet Ändsjön liegt. Es zählte zu den Highlights dieser Etappe, genauso wie das Freilichtmuseum Hembygdsgård mit dem Café Stocke Titt und einem kleinem Aussichtsturm. Welch ein Glück ich doch hatte, dass das Sommercafé noch geöffnet war, sonst wäre ich nicht in den Genuss all dieser schwedischen Köstlichkeiten gekommen. Das Ambiente mit den hübschen Holzhäuschen ließ Büllerbü-Feeling aufkommen. Allzu lange konnte ich hier allerdings nicht verweilen, schließlich musste ich noch weiter zur Insel Rödön – meinem Etappenziel für diesen Tag.  Kurz hinterm Freilichtmuseum bestaunte ich die Kirche von Frösö mit ihrem markanten Holzglockenturm. Hier konnte ich auch meinen Pilgerpass stempeln.

Der weitere Weg hielt zahlreiche traumhafte Naturerlebnisse bereit. Ich wanderte auf einsamen wurzelberankten Waldpfaden und genoss den würzig-harzigen Duft, der in der Luft lag. Ich naschte von den reifen Blaubeeren und fühlte mich herrlich frei. Zu meiner linken Seite rauschte, plätscherte und glitzerte der Storsjön. Und dann waren da noch die tollen schwedischen Sommerhäuschen, die sich hier und da am Ufer versteckten – sie sahen aus, als seien sie direkt aus einem Hygge-Magazin entsprungen.

Gerade noch rechtzeitig zum Abendessen erreichte ich die Pilgerunterkunft Astrid’s stuga in Rödösundet, wo ich freundlich von Astrid und Rickard begrüßt und köstlich bekocht wurde. Es gab Elch-Gulasch und frisches Gemüse aus dem Garten. Astrid und Rickard sind sehr musikbegeistert und  spielen diverse Instrumente. Später zeigten sie mir meinen Schlafplatz – eine kleine gemütliche Hütte im Garten, in der sich früher einmal das Tonstudio ihres Sohnes befand. Heute dient die Hütte als Unterkunft für Pilger.  In diesem kleinen “Hobbithaus” fühlte ich mich direkt geborgen.

Tag 3: Von Rödön nach Nälden

Nach dem gemeinsamen Frühstück wartete eine besondere Überraschung auf mich. Astrid und Rickard sagten, dass sie jeden Pilger mit einer besonderen Zeremonie verabschieden würden, wenn er weiterwandert. Als ich mit gepacktem Rucksack erschien, standen sie plötzlich mit ihren Violinen im Garten und spielten ein wunderschönes Lied für mich. Einen Pilgrimsong, um mir Glück auf meiner Reise zu wünschen. Ich sollte einfach weitergehen, denn sie wollten so lange spielen, bis ich in der Ferne verschwand. Und das taten sie. Die heitere Melodie erklang, bis auch ich das Haus nicht mehr sehen konnte. Ich war zu Tränen gerührt. Ein kleines Konzert – nur für mich allein – das hatte ich noch nie erlebt.

Mein Weg führte mich auf einen Hügel, auf dem ein einsamer Stuhl stand. Ich setze mich nieder, um den glitzernden Storsjön zu betrachten-, und das Erlebte auf mich wirken zu lassen konnte. Meine Pilgerreise hätte nicht besser beginnen können.

Das nächste Etappenziel lag etwa 27 Kilometer entfernt. Auf meinem Weg begegnete ich zwei netten Schwedinnen, die einen Tagesausflug machten, um ihre eigene Heimat neu zu entdecken. Gemeinsam erreichten wir die Kirche von Rödön. Hier luden mich die beiden zu einer wunderbaren “Fika” (schwedische Kaffeepause) mit selbst gebackenen Kanelbulla in der Sonne ein. Es war so nett, dass ich die Zeit ganz vergaß und so musste ich mich auf den restlichen Kilometer, die viel über Schotterwege und Straßen führten, beeilen. Ein weiteres Highlight auf der Strecke war die Olavsquelle, wo ich mir auf den Bänken eine Pause und frisch gezapftes Wassers aus der Quelle gönnte.

Weiter ging’s gen Näskott, das Sommercafé im Freilichtmuseum des alten Hofs Grafsgarden war leider schon geschlossen, doch ich bekam netterweise trotzdem einen Tee von einer alten Dame serviert, die große Ähnlichkeit mit Astrid Lindgren hatte. Abends kam ich dann am Haus von Doris und Lars Gunnarsson in Nälden an. Auch hier wurde ich freundlich empfangen und gut bekocht. Und auch hier gab es u.a. frisches Gemüse aus dem eigenen Garten. Der Blick aus dem Fenster in die nicht enden wollende Abenddämmerung war sehr schön und ließ mich an Mittsommer denken.

Mittlerweile spürte ich meine Beine und Füße allerdings deutlich und mir kamen erste Zweifel, ob ich den Rest der Strecke wie geplant schaffen würde.

Tag 4: Von Nälden nach Alsen/Wången

An diesem Morgen fiel mir das Losgehen schwer, meine Beine und Füße schmerzten. Aber nach den ersten Kilometern wurde es dann zum Glück besser. Entschädigt wurde man immer wieder mit schönen, weiten Ausblicken auf den See Alsensjön und die schneebedeckten Berge des Gebirges Åreskutan in der Ferne. Eine längere Pause, während der ich die Stille des Waldes genoss, gab mir Kraft. Auf meiner Route lagen die Felszeichnungen von Glösa, die vermutlich um 4000 vor Christus entstanden sind. Sie befinden sich direkt am Wasser und sollen den Übergang zwischen der menschlichen und der Unterwelt darstellen. Im kleinen Museum “Glösas Elchreich” erfahrt ihr einiges über das Leben der Menschen vor etwa 6.0000. Jahren. Für mich gab’s als Pilgerin außerdem einen Kaffee und einen “Steinzeitkeks” gratis.

Nach insgesamt etwa 20 Kilometern erreichte ich mein Etappenziel Wången. Dort gab es einen schönen Badeplatz am See, ein kleines “Eisbad” ließ ich mir nach meinem langen Marsch natürlich nicht entgehen. In der Dämmerung war die Atmosphäre besonders schön.

Meine Unterkunft in der Jugendherberge Wången ridskola war einfach, aber in Ordnung. Wer es komfortabler mag, kann sich ein Zimmer im Hotel mieten, denn auch das gibt es dort. Warum hier – gefühlt im Nirgendwo – ein Hotel steht? Ganz einfach, weil Wången unter Pferdefans eine berühmte Adresse ist. 1903 begann man hier Pferde zu züchten, um das vom Aussterben bedrohte Nordschwedische Arbeitspferd zu bewahren. Mittlerweile hat sich Wången zu einem Ausbildungszentrum für Reitsport entwickelt. Und so kann man vor Ort auch das ein oder andere hübsche Pferd betrachten.
Abends lernte ich dann in der Küche der Unterkunft Johannes “den falschen Schweden”, kennen. So zumindest bezeichnete er sich selbst. Er wanderte vor vielen Jahren nach Schweden aus und war an diesem Tag für einen Kurzurlaub mit Frau und Familie nach Jämtland gekommen. Ich freute mich, auf jemanden zu treffen, der meine Sprache sprach und Johannes wusste allerlei Interessantes über Jämtland und seine Geschichte zu erzählen.

Tag 5: Von Alsen nach Mörsil

Beim Frühstück genoss ich den Ausblick von der großen Terrasse des Restaurants. In der Sonne war es trotz der kühlen Temperaturen gut auszuhalten und das Licht auf dem Wasser des Alsensjöns glitzerte einfach zauberhaft. Auf meiner Route lagen an diesem Tag gleich zwei Highlights, eine davon war Tinas Pralinenmanufaktur (Tinas Praliner). In den Genuss ihrer schokoladigen Köstlichkeiten war ich bereits in Östersund gekommen, da sie dort im Hotel Emma verkauft wurden. Hier im landwirtschaftlich geprägten Helleberg hat sie ihren eigenen Laden. Leider ist dieser nur donnerstags von 14.00 – 18.00 Uhr geöffnet, ich hatte daher kein Glück. Dafür machte ich es mir an dem schönen Pilger-Rastplatz im Grünen gemütlich.

An diesem Tag musste ich eine Strecke von etwa 26 Kilometern bis zum nächsten Etappenziel bewältigen. Ich wusste vorab, dass ich dies nicht schaffen würde. Daher hatte ich mir einen Punkt überlegt, bis zu dem ich auf jeden Fall wandern wollte. Und dieser Punkt war Birgers Haus. Von Birger hatte ich in meinem Outdoor-Handbuch Schweden/Norwegen: St. Olavsleden: von Selånger nach Trondheim* gelesen. Birger ist 81 Jahre alt und wohnt allein auf einem abgelegenen Hof, der zufällig direkt am St. Olavsleden liegt. Und so hat es sich Birger zu seiner persönlichen Aufgabe gemacht,  vor seiner Haustür zu sitzen und  jeden Pilger freundlich zu begrüßen. Er bietet Kaffee und Wasser an und freut sich riesig, wenn die Wanderer ihm nach ihrer Rückkehr in die Heimat einen Brief oder eine Postkarte schreiben. Auf seine internationale Sammlung ist er mächtig stolz. Ich fand diese Anekdote im Buch so toll, dass ich Birger unbedingt persönlich treffen wollte. Ich hatte Glück, als ich des Weges kam, war er wirklich da.

Mit der Verständigung klappte es nicht ganz so gut, aber das war gar nicht schlimm. Wir haben uns trotzdem beide über die Begegnung gefreut. Dann kam Åsa mit dem Auto vorgefahren. Sie war an diesem Tag für den Transport meines Reisegepäcks nach Mörsil zuständig.  Für einen kleinen Aufpreis nahm sie nun auch mich den Rest der Strecke mit.

Mörsil ist ein kleiner Ort, der am See Liten liegt. Nicht verpassen sollte man hier das Kretsloppshuset – ein ökologisches Café und Restaurant, das nur wenige Meter vom kleinen Bahnhof entfernt liegt. Mit seinem hübschen Garten und den vielen Pflanzen, die ins Interieur integriert wurden, ist es eine reine Augenweide. Leider hatte ich auch hier Pech, denn das Kretsloppshuset ist abends geschlossen.

An diesem Abend fühlte ich mich dann zum ersten Mal sehr einsam. Vielleicht, weil ich diesmal keinen familiären Anschluss fand, vielleicht weil mir die sich noch im Umbau befindende Unterkunft nicht so gut gefiel … Aber auch das gehört dazu, wenn man alleine reist. Und nach so einem kleinen Bad im kalten See kommt man schnell wieder auf andere Gedanken.

Tag 6: Von Mörsil nach Hålland

Am nächsten Morgen gönnte ich mir dann ein köstliches Frühstück bei Fjällkonditoriet Mörsil/Sundings Café – dies war ein wirklich guter Tipp von Johannes “dem falschen Schweden” gewesen. Begeistert war ich vom Freilichtmuseum Römmen, das auf meiner heutigen Wanderroute lag. Es befindet sich auf einer Anhöhe des Flusses Indalsälven und auch hier gibt es ein Sommercafé. Ich fühlte mich wieder, als sei ich mitten in einem Astrid-Lindgren-Film gelandet, so schön war das Areal mit den historischen Schwedenhäusern. Weiter ging’s am Fluss entlang, durch Wälder und Wiesen. Dann erreichte ich den Badestrand Stålviken am See Liten – es war der schönste, den ich auf meiner gesamten Pilgerreise gesehen habe. In das rote Holzhäuschen am Ufer mit dem grasbewachsenen Dach habe ich mich sofort verguckt.

Später begann die Wanderung beschwerlich zu werden: Ausgerechnet auf meinem heutigen Weg wurden Glasfaserkabel verlegt. Teilweise glich die Strecke Kraterlandschaften. Auf dieser Geröll- und Erdwüste zu laufen, dauerte Ewigkeiten. Zeit, die ich nicht eingeplant hatte. Hinzu kam, dass es an diesem Tag sommerlich warm geworden war. Mir ging langsam das Wasser aus und ich bekam Durst. Doch hier im Wald war niemand außer mir. Einige Kilometer später erreichte ich ein paar weiße Holzvillen, die am Flussufer standen. Eine davon war zufällig die Unterkunft Strandgården, wo mich Familie Englund spontan zu einer Fika auf ihrer Terrasse mit herrlichem Seeblick einlud. Danach ging es mir gleich besser und ich konnte gestärkt weitergehen. Plötzlich hörte ich ein Rauschen und entdeckte den Fluss Indalsälven zu meiner linken Hand. Das Rauschen wurde zum Tosen – und da waren sie, die ersten kleinen Wasserfälle. Ein Vorgeschmack auf die Naturwunder, die mich am nächsten Tag erwarten würden. Schuhe und Kleidung waren schnell ausgezogen und ich nutzte die Gelegenheit, um im Fluss zu baden. Was für ein Erlebnis, ich war ganz für mich allein an diesem traumhaft wilden Ort.

Dann erklomm ich den Hang, um zu meiner Unterkunft  Hållandsgården in Järpen zu gelangen. Hier ging es ungewohnt trubelig zu, denn eine große Konfirmandengruppe war zu Gast. Ich wurde freundlich von Familie Eklöv Willkommen geheißen. Von dem hübschen Gelände war ich sofort angetan, all die historisch anmutenden Holzhäuschen mit den bunten Kornblumen davor – das reinste Postkartenmotiv.

1999 wurde auf dem Gelände von einigen Privatleuten auch eine kleine Stabkirche nach mittelalterlichem Vorbild errichtet, Herr Eklöv war am Bau der Kirche beteiligt und zeigte sie mir stolz. Auch im Inneren wurde viel Liebe fürs Detail bewiesen.
Das Abendessen im Hållandsgården war köstlich und ich genoss es irgendwie, mal wieder von so vielen Menschen umgeben zu sein. Auch wenn ich nicht Teil der Gruppe war, freute ich mich doch über ihre Anwesenheit.

Tag 7: Von Hålland nach Åre

An meinem letzten Wandertag lag ein ganz besonderes Highlight auf meiner Route: Ristafallet – der Wasserfall an dem 1984 Teile des Films “Ronja Räubertochter” gedreht wurde. Als großer Fan des Buches und des Films konnte ich es gar nicht erwarten, diesen Ort mit eigenen Augen zu sehen. Der Weg am Indalsälven entlang war grandios, denn er bot gleich drei Wasserfälle kurz hintereinander. Zuerst kam der Nedre  Nylandsforsen, dann der Övre Nylandsforsen und schließlich, nach nur etwa anderthalb Kilometern war es bereits soweit: ich stand vorm mächtigen Ristafallet, der eine Fallhöhe von 14 Metern hat.  Ich war überglücklich, denn ich hatte mein persönliches Ziel auf dieser Pilgerreise erreicht. Ich schaute und schaute auf die tosenden Wassermassen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dank des Sonnenlichts zeigten sich zahlreiche kleine Regenbögen.

Weiter ging’s den Hügel hinauf zu Ristafallet Camping. Von der Terrasse des Cafés hat man einen tollen Blick auf den sich durch die Wälder schlängelnden Indalsälven. Mit seinen 420 Kilometern Länge ist er einer der längsten Flüsse Schwedens.

In Åre angekommen, war ein Besuch der Kirche natürlich Pflicht. Denn hier lässt sich eine Holzskulptur des Heiligen Olav aus dem 14. Jahrhundert bestaunen. Die Kirche war frei zugänglich, der große Schlüssel, der aussah, als sei er einem Märchen entsprungen, hing neben der Eingangstür. Ich zündete eine Kerze an und dachte darüber nach, wie viele Pilger wohl bereits vor mir diese  Skulptur andächtig betrachtet haben. Und wie viele es nach mir tun werden. Ein gebührender Ausklang für meine Pilgerreise auf dem St. Olavsleden.

Tag 8: Ausflug zum Tännforsen & Åreskutan

Als ich am nächsten Morgen im schönen Åre Bed & Breakfast aufwachte, konnte ich gar nicht fassen, dass meine Pilgerreise beendet war. Kein erneutes Packen des Wanderrucksacks, kein Vorbereiten des Proviants und keine Wanderschuhe, die geschnürt werden mussten. Stattdessen stand ein Ausflug mit Putte – dem Projektleiter des St. Olavsleden an. Hintergrund war, dass ich ursprünglich geplant hatte, den St. Olavsleden bis über die norwegische Grenze zu wandern, doch die Pandemie machte mir einen Strich durch die Rechnung. Und so entschied ich mich letztendlich, nur die Etappe von Östersund nach Åre zu pilgern. Putte zeigte mir daher mit dem Auto alle Highlights, die die Pilger auf der St. Olavsleden-Strecke von Åre bis zur norwegischen Grenze erwarten; und das waren einige. Außerdem erzählte er mir viele spannende Details zur Entstehung des St. Olavsledens, zu Schwedens Kultur und zur Provinz Jämtland. Mit an Bord war außerdem Lee, ein Student aus den USA. Er schreibt seine Masterarbeit an der Lund University darüber, welche Motive Menschen dazu bewegen, ausgerechnet diesen Pilgerweg zu gehen. Es war sehr kurzweilig mit den beiden unterwegs zu sein und wir lachten viel. Zu meiner großen Freude lag auch der Tännforsen auf unserer Route – der mit einer Fallhöhe von 38 Metern und einem Wasservolumen von bis zu 720 Kubikmeter pro Sekunde als Schwedens größter Wasserfall gilt.

Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als wir die tosenden Wassermassen vor uns hinabstürzen sahen. Welch atemberaubendes Wunder der Natur!

Weiter ging’s Richtung Nordwesten. Die Landschaft wurde immer wilder und rauer, vor uns lag eine faszinierende Hochgebirgslandschaft mit Flechten und Moosen, die von Flüssen durchzogen ist. Wir hatten unser Ziel erreicht: die Grenze zu Norwegen. Mir wurde klar, dass ich diese Etappe des St. Olavsledens eines Tages unbedingt mit eigenen Füßen gehen möchte. Denn wie lautet das Zitat von Johann Wolfgang Goethe noch so schön: “Nur wo Du zu Fuß warst, bist Du auch wirklich gewesen.”

Später erkundete ich dann noch auf eigene Faust das Wintersportzentrum Åre. Die Preise im Ort selbst empfand ich als sehr überteuert, Essengehen machte daher nicht sonderlich Spaß. Ich entschloss mich, mit der Kabinenbahn bis zur Bergstation Åreskutan (1.420 Meter) hinaufzufahren. Wegen schlechter Wetterbedingungen fuhr die Bahn an diesem Tag leider nicht bis ganz nach oben. Und so musste ich dann (an diesem eigentlich geplanten Ruhetag für Füße und Beine) doch noch etwas wandern. Der Ausblick war es aber auf jeden Fall wert. Oben angekommen gönnte ich mir im Café eine heiße Suppe,  für die Fahrt bergab entschied ich mich für die hübsche antike Bergbahn, die man mit dem Ticket ebenfalls nutzen durfte.

Abends lernte ich dann noch ein sehr nettes deutsches Pärchen im B & B kennen und konnte mich so sprachlich und mental schon ganz gut auf meine Heimreise nach Deutschland einstimmen.

Abreise

Zum letzten Mal genoss ich das tolle Frühstück im Åre Bed & Breakfast, dann war es an der Zeit, meine Sachen zu packen. Während der Zugfahrt zurück nach Östersund sah ich all die Orte wieder, die ich in den letzten Tagen erwandert hatte – diesmal in umgekehrter Richtung. Die Gefühle, die mich dabei überkamen, waren überwältigend. Es war eine Mischung aus Glück und Stolz, weil ich es geschafft hatte und ich fühlte große Dankbarkeit dafür, dass ich dieses unvergessliche Abenteuer erleben durfte.

 

 

»Den St. Olavsleden zu gehen, war eine der intensivsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Es war nicht immer leicht und ich musste regelmäßig meine Komfortzone verlassen. Doch ich werde diese Tage, in denen ich stundenlang allein durch die Wälder, Wiesen und Dörfer Jämtlands gewandert bin, nie vergessen. Selten habe ich mich so sehr mit mir und der Natur verbunden gefühlt. Und dann waren da noch all die unerwarteten Begegnungen mit wundervollen und liebenswerten Menschen … Danke für deine unglaubliche Gastfreundschaft, Schweden!«
Rebecca, August 2020.

St. Olavsleden: Reiseführer- und Literaturtipps

Reiseführer: Ich hatte auf meiner Wanderung auf dem St. Olavsleden das Outdoor-Handbuch Schweden/Norwegen: St. Olavsleden: von Selånger nach Trondheim* von Andrea Susanne Opielka dabei. Und das war eine sehr gute Idee. Das Buch enthält u.a. tolle Tipps zur Vorbereitung auf die Pilgerreise, zu Übernachtungsmöglichkeiten und eine nützliche Packliste. Unterwegs haben mir die Etappenbeschreibungen sehr geholfen, vor allem an den Stellen, wo die Wegbeschilderung hier und da nicht ganz so einfach zu finden war. Außerdem wusste ich dank des Buches immer, welche Highlights mich auf der jeweiligen Strecke erwarten.

Weitere Tipps und aktuelle Infos findet ihr auf St. Olavsleden.de. Außerdem erfahrt ihr hier alles Wissenswerte zur Geschichte des heiligen St. Olaf, dem der Pilgerweg gewidmet ist. Hilfreich fand ich auch die Facebook-Gruppe Hiking along St. Olavsleden, in der sich die Pilger rege untereinander austauschen.

Roman: Ein passendes Buch gehört für mich auf jeder Reise dazu. Diesmal hatte ich Der Salzpfad* von Rayons Winn dabei. Ein spannendes Reiseabenteuer, das von einem Paar handelt, das alles verloren hat und sich mit einem Zelt aufmacht, den South West Coast Path, Englands berühmten Küstenweg, zu wandern. Alternativ kann ich natürlich auch Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst* von Cheryl Strayed empfehlen. Beide Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten.
Ronja Räubertochter* darf als Lektüre natürlich auch nicht fehlen, den Film Ronja Räubertochter* schaut man sich am besten vor Abreise auch nochmal an, das steigert die Vorfreude. Oder nach eurem Abenteuer, um durch ihn noch einmal zum schönen Ristafallet zu “reisen”.

St. Olavsleden: Gepäcktransport & Vorabbuchung der Unterkünfte

Wenn ihr erfahrene Backpacker- und super flexibel seid, was eure Übernachtungsmöglichkeit betrifft oder selbst ein Zelt dabei habt, könnt ihr euch einfach auf den Weg machen. Wenn ihr (wie ich) keine Lust habt, euer Gepäck die ganze Zeit mitzuschleppen und lieber auf Nummer sicher gehen möchtet, dass die Unterkunft eurer Wahl noch ein Plätzchen frei hat, könnt ihr euren Trip z.B. über Nordic Pilgrim buchen. Der Kontakt mit Ruben war immer hilfreich und zuverlässig und ich fand mein Gepäck jeden Abend bereits in der nächsten Unterkunft vor, wenn ich mein Etappenziel erreichte.

St. Olavsleden: Tipps zur Anreise nach Östersund

Von Stockholm könnt ihr zum Beispiel einen Nachtzug nach Östersund nehmen, die Fahrt hat bei mir circa acht Stunden gedauert. Der Zug startete um 22.34 Uhr in Stockholm und kam um 06:48 Uhr in Östersund C an. Ein 1. Klasse-Ticket kostet um die 90 €, eines für die 2. Klasse circa 50 € (Angaben ohne Gewähr). Wie bereits erwähnt, ist im 1. Klasse-Ticket z.B. ein Frühstück im Best Western Hotel Gamla Teatern in Östersund inkludiert.

*Dies sind Affiliate-Links. Wenn ihr darüber etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision. Am Preis verändert sich für euch dabei rein gar nichts. So könnt ihr diesen Blog unterstützen und mir helfen, weiterhin kostenlose Tipps für euch zu erstellen. Vielen Dank für euren Support! 🙂

2 Kommentare

  1. Ich habe schone erinerungen von meinen wander durch Schweden im Jahre 2018. Deine Bilder von deine Wanderung sind sehr schon. Mein freund und ich sind den ganzen weg
    gewandert. Ich hoffe das ich es wieder entdecken kann. Sie mussen mein Deutsch entschuldigen, ich habe nicht fur viele Jahre so geschrieben.

    • Rebecca

      4. Januar 2022 at 8:46

      Hallo Peter,

      danke für deinen Kommentar. Das muss ein tolles Erlebnis gewesen sein, den ganzen Weg zu wandern! Schön, dass Dich meine Bilder daran erinnert haben.
      Ich wünsche Dir ein frohes neues Jahr! 🙂

      Rebecca

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

© 2022 Rebeccas Welt

Theme von Anders NorénHoch ↑